Habe vor zwei Tagen den Post unten nicht einfach so geschrieben. Das kam von Herzen und hatte auch einen Grund: Ich war im Epizentrum während des sehr schweren Kumamoto-Erdbebens. Japanische Intensität Level 7. Das war eine der heftigsten Erfahrungen in meinem Leben. Habe die letzten Tage überlegt, ob ich das überhaupt öffentlich mache, weil ich damit natürlich auch preisgebe, wo ich wohne. Egal, das ist dann halt so, weil es jetzt "zu mir" gehört und ich immer authentisch sein will hier. Erdbeben sind bekanntlich normal in Japan und man entwickelt auch ein relativ gutes Gefühl diesbezüglich. Sie rollen oft heran, wie ein Güterzug. Und meistens sind sie dann nicht über Level 5, ab dem es wirklich ungemütlich wird. Intensität 7 ist so unbeschreiblich extrem, aber ich versuche es mal: Ich wohne in einem neuen Leichtbauhaus, welches so designt ist, daß es nachgibt, wenn die Erde bebt. Es ist ganz weich gebaut und das soll auch so sein. Deswegen wackelt es auch relativ schnell, und bei 3ern bis 5ern ist das noch okay. Die Einrichtung zittert kurz und es fallen vielleicht mal ein paar Sachen auf den Boden. Schlimm genug, aber man gewöhnt sich daran. Level 7 Epizentrum ist dann ein ganz anderes Biest. Das rollt nicht heran, sondern dreht direkt von 0 auf 100. Man verliert völlig die Kontrolle und ist so geschockt, daß man nicht sofort realisiert, was gerade passiert. Naja, man weiß es schon irgendwie, aber es ist, als wäre man in Trance. Ich saß am Schreibtisch und wurde halb hochgerissen, vom Beben und vom Schock, und war plötzlich in der Mitte des Zimmers. Alles um mich herum flog aus den Schränken, große Möbel tanzten, und in der Küche zerschepperten Teller und Tassen. Mega lautes, totales Chaos innerhalb von einer Sekunde. Ich stand echt breitbeinig in der Mitte des Zimmers, das wie ein Trampolin wirkte in dem Moment, und habe es "ausgestanden". Einfach der Gewalt hingegeben. Es geht sowieso nicht anders und vielleicht war das auch die richtige Reaktion, weil ich mich nicht (!) verletzt habe. Die Menschen um mich herum sind auch alle unversehrt, wenngleich sie ähnliche Zerstörung erleben mussten. Unglaublich eigentlich, wenn ich jetzt immer wieder daran denke. Es soll ungefähr 15 Sekunden gedauert haben, und es half bestimmt auch nicht, daß ich im 1. Stock wohne. Paar mickrige Cuts hab ich mir dann abgeholt auf dem Weg nach unten bzw. raus, vorbei am gesamten Hausrat, der überall zerstört und verstreut lag. Musste die Tür auch aufbrechen, da sich das Haus verzogen hatte. Aber eingestürzt ist es nicht, denn diese Häuser sind so gebaut, daß sie Leben drinnen retten und sich selbst dafür lieber opfern sozusagen. Bin bei Freunden untergekommen und schaue mir jetzt neue Wohnungen an, versicherungstechnisch sollte eigentlich auch alles okay sein. Mein Erfahrungsbericht hört sich vielleicht schlimm an, aber ich habe großes Glück gehabt und andere Menschen hat es viel schlimmer getroffen hier in der Gegend, denn mindestens 35 Menschen sind gestorben und viele wurden verletzt. Das Einkaufszentrum, das halb explodiert ist, habe ich vor kurzem besucht, weil ich da sehr gerne und regelmäßig ins Kino gehe. Bestes Popcorn, zum Beispiel Geschmacksrichtung Earl Grey oder Standard Sojasaucenbutter. Werde vielleicht in Zukunft einmal ausführlicher von dieser Erfahrung erzählen, im Kontrafunk dann, doch jetzt kann ich es nur schriftlich machen, denn das Ganze muss erstmal verarbeitet werden. Habe einen krassen Muskelkater, und das nicht vom Aufräumen am nächsten Tag – Hausrat ist ziemlich zerstört – sondern von Erlebnis, Adrenalin und Anspannung, die immer noch vorhanden ist. Es bebt auch jetzt noch regelmäßig hier. Was ich aber auch erfahren habe, und damit wären wir wieder bei dem Post unten, ist, daß ich hier in einem Land lebe, wo die Menschen schwer beeindruckend zusammenstehen, wenn Katastrophales geschieht. Das gibt mir unglaublich viel Rückhalt und Zuversicht. Egal, was auch passiert, Japan ist stärker. #Japan #Erdbeben #Erfahrung


